Samstag, 9. Juli 2016

Ein Jahr geht vorüber


Dass ich in wenigen Tagen schon wieder zu Hause bin kann ich immer noch nicht begreifen. Wie kann ein Jahr so schnell vergehen? Gerade erst noch während des Morgenapells willkommen geheißen und kürzlich an selber Stelle schon wieder verabschiedet. Meine Zeit in Indien ist so gut wie abgelaufen und ich bin noch ganz und gar nicht im Abreise-Modus. Ich wurde hier oft gefragt, wie ich ein Jahr ohne stabilen Strom, in enormer Hitze und mit indischem Essen so weit von zu Hause „überleben“ konnte. An den Umstand, dass ich keine 24 Stunden am Tag Strom hab, hab ich mich schnell gewöhnt und an die Hitze, die ich nie als krass empfunden habe auch. Was das Essen angeht: Es tut meinem Gewicht wahrscheinlich ganz gut, dass ich bald wieder daheim bin. Bliebe ich noch ein Jahr hier in Baghmara, würde ich nächstes Jahr höchstwahrscheinlich nachhause rollen.  
Dass das Unterrichten jetzt ein Ende hat, ist glaube ich die einzige Sache, die nicht ganz so schlecht ist. Es ist wirklich schwer vor einer Klasse ernst zu bleiben die ständig Unfug im Kopf hat. Unglaublich, auf welche Ideen sie kommen und dann gibt es leider auch die Schüler, die man nur anzuschauen braucht und man schon loslachen könnte. Eine meiner Schülerin ist so eine, die jeden Tag einen Kommentar von sich gibt, mit dem ich dann einfach nichts anzufangen weiß, außer in mein Buch oder mit dem Rücken zur Klasse in die Tafel zu grinsen. Dass sie mich mittlerweile absichtlich darauf hinaus provoziert ist mir klar, trotzdem ist sie jedes Mal wieder genauso komisch.
Während des Englischunterrichts höre ich von irgendwoher ein Klopfen, bis einer meiner Schüler meint, da seien andere Kinder im Raum nebenan. Nebenan ist kein Klassenzimmer, sondern der Hostelraum der Jungs. Also mache ich die Tür auf und eine Horde Schüler steht vor mir und wirft mir schuldlose Blicke zu. Bevor ich diejenigen, die die Tür von außen zugeriegelt haben zur Rede stellen konnte, musste ich mir erst einmal mein Lachen verkneifen.
Ob mich meine Schüler überhaupt noch ernst nehmen können nach all den Aussetzern, die ich in manch einer Unterrichtsstunde hatte, als ich Tränen hätte lachen können, weiß ich nicht. Aber das ist jetzt auch egal, daher ist es gut, dass es ein Ende hat. Ich werde die Kinder trotzdem vermissen, vor allem natürlich die Kids aus dem Hostel, mit denen ich in den letzten Monaten viel Zeit verbracht habe. In der Studytime werden jetzt schon Pläne geschmiedet, wie ich vor der Polizei fliehen könnte, wenn sie kommen um mich zu verhaften, wenn mein Visum ausläuft. Es fällt mir schwer zu gehen, und ich würde so gern noch länger bleiben. Ich hatte eine gute Zeit in Indien, die ich so schnell nicht vergessen werde.  
Dennoch muss ich jetzt „Servus“ sagen, ohne zu wissen, ob ich alle Kinder irgendwann wieder sehen werde. Auf die Frage, wann ich denn wiederkommen werde, weiß ich leider keine Antwort. Vielleicht in drei Jahren, oder erst in 5?

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