Sonntag, 19. Juni 2016

Eine Woche in einer Alternative Health Care Clinic

Es sind Sommerferien. Die Kinder zu Hause. Der Schulhof leer. Also haben Antonia und ich die Zeit genutzt, um mal etwas anderes zu machen, außer herumreisen, indisch kochen oder vor dem Laptop herumzuhängen. Wir sind nach Kalidanga gefahren. Kalidanga ist ein kleines unscheinbares Dorf im Bundesstaat West Bengal. Was Kalidanga aber von anderen Dörfern seiner Größe unterscheidet sind die vielen Pensionen und Gästezimmer, die von den Dorfbewohnern vermietet werden. Der Grund dafür, ist nicht der Tourismus, den es dort ganz bestimmt nicht hinziehen würde, sondern ein alternatives physiotherapeutisches Krankenhaus. Der Jesuit und Arzt Father Peter leitet diese Klinik. Hier durften wir eine Woche mitleben und mithelfen. Die Patienten kommen mit unterschiedlichen Problemen dorthin. Kinder, die seit ihrer Geburt nicht richtig laufen können oder Erwachsene, die aufgrund eines Schlaganfalles das rechte Bein und den rechten Arm nicht mehr bewegen können. Andere, die sich durch einen Unfall oder einem Sturz Verletzungen zugezogen haben und jetzt zur Rehabilitation nach Kalidanga kommen. Viele kommen aber auch, weil sie sich nach all den Jahren harter Arbeit auf dem Feld den Rücken kaputt gemacht haben. Die typischen Diagnosen die Fr. Peter stellt sind Skoliose, Spondylose oder Spondylitis. Father Peter ist in vielen Bereichen sehr gut qualifiziert, zwei davon sind die Homöopathie und die Physiotherapie. In Kalidanga gibt es verschiedene Methoden, um die Patienten wieder „geradezubiegen“. Das wahrscheinlich schmerzhafteste sind die Geräte, mithilfe deren Nacken oder der untere Teil der Wirbelsäule gestreckt wird. Wenn es der obere Teil der Wirbelsäule sein soll wird dem Patienten sitzend der Kopf eingehängt und die Maschine gibt kurze Züge, um die Knochen so zu strecken. Das gleiche passiert liegend mit dem Lendenbereich, nur das dieses Mal der Bauchbereich am Seil hängt. Manche Patienten bekommen kurze Elektroschocks an den betroffenen Körperteilen, um die Nerven dort zu reaktivieren. Noch interessanter ist aber die Magnettherapie. Hier müssen sich die Leute unterschiedlich große und unterschiedlich starke Magneten zum Beispiel an die Füße oder die Wirbelsäule halten. Die Elemente aus denen der Magnet besteht ziehen die jeweiligen Elemente in den Knochen zu der anvisierten Körperstelle. Medikamente verschreibt Father Peter nur zu minimalster Menge. Er meint, je weniger Medikamente desto besser. Auch die Therapiekosten hält er minimal. So zahlt jeder Patient für die Therapie 30 Rupien pro Tag, das sind umgerechnet 40 Cent. Auch das ist ein Grund weswegen viele Patienten von weiter weg kommen, und es in Kauf nehmen sich für ein paar Monate ein Zimmer zu mieten. 


Antonia und ich haben den Kindern und Erwachsenen die Gelenke trainiert. Unter den Patienten waren viele kleine Kinder, die noch nicht älter als drei Jahre waren und sich so vor uns fürchteten, dass sie während der Therapie nicht aufhörten zu schreien. Was diese dann natürlich fast unmöglich gemacht hat. Es gab aber auch das komplette Gegenteil. So kamen selbst kerngesunde Männer, meist der Vater eines Kindes, das in Behandlung ist oder ein Ehemann einer Patientin, zu mir, um von mir behandelt zu werden. Der Physiotherapeut, der auch dort arbeitet, hat ihnen dann aber immer erklären müssen, dass ich nur auf Kinder und gelähmte Patienten spezialisiert bin. Enttäuschend und ohne Behandlungen des deutschen Physiotherapeuten sind sie wieder gegangen. Natürlich war ich ganz und gar nicht spezialisiert, aber die Patientinnen hielten Antonia und mich wahrscheinlich doch für Therapeuten aus Deutschland. Die Arbeit hat sehr viel Spaß gemacht und es hat mich besonders gefreut, wenn mir meine Patienten nach den Übungen gesagt haben, dass sich die Schulter jetzt besser anfühlt. Dann waren auch die Kinder, die sich mit Händen und Füßen gegen mich gewehrt hatten vergessen.
In Erinnerung wird mir immer der siebenjährige Sushil bleiben, der jeden Tag seinen kleinen Bruder auf seinem Arm in die Klinik getragen hat. Anfangs war der Kleine noch sehr schüchtern, aber später kam er strahlend auf dem Arm seines Bruders in den Therapieraum. Sein großer Bruder stand die ganze Zeit an der Liege und hat ihm nach unserer Therapie ins nächste Zimmer zur nächsten getragen. Die zwei sind wirklich ein Herz und eine Seele.

Father Peter, der schon seit mehr als zehn Jahren in Kalidanga den Menschen die Knochen geradebiegt, ist in der Umgebung fast mit jedem per du. Wie zum Beispiel mit dem ADM, dem Assistant District Magistrate. Er hat es sich auch nicht nehmen lassen Antonia und mich zu dessen Hochzeitstag mitzuschleppen. Wir waren beim ADM eingeladen, eine Person, die für einen ganzen District zuständig ist. In meinen Plastikflipflops, Stoffhose und T-Shirt bin ich also voller Erwartung und einem komischen Gewissen auf die Feier gefahren. In der Erwartung, eine riesige Veranstaltung mit wichtigen Personen aus der Umgebung und einem großen Berg an Essen vorzufinden. Nichts davon hat sich so ergeben, wie ich gedacht hatte. Es gab nur noch drei weitere Gäste neben uns, und die Männer saßen in Lungi, dem indischen Männerrock, da. Ein lässiger und gemütlicher Abend weit weg von all dem Hi-Fi den ich erwartet hatte.

Eine Woche, die wie alles in letzter Zeit, wie im Flug verging. Wir hatten eine tolle Zeit in Kalidanga, und es tat gut einmal aus unserer Kommunität in Baghmara rauszukommen.
Jetzt bin ich wieder zurück in Baghmara und seit letzter Woche läuft die Schule wieder, auch wenn noch viele Kinder nicht wieder aus ihren Ferien zurückgekommen sind. Ein immer wiederkehrendes Problem nach den Ferien.
Mit dem Schulstart kamen ein neuer Schulleiter und ein neuer Direktor für die Schule. Father Joby und Father Lazar haben jetzt die Zügel in der Hand, um die Schule weiterzuführen und aufzubauen. Unsere Sisters, die seit einem Jahr an einem eigenen Gebäude für sich und die Hostelmädchen arbeiten sind umgezogen und wohnen zusammen mit den KG-Kindern und den Mädchen auf der anderen Straßenseite. Daran, dass die Mädls und die Jungs jetzt nicht mehr zusammen spielen und lernen muss ich mich erst noch gewöhnen. Es ist noch ein komisches Bild, wenn nur die Jungs auf der Wiese spielen und kein einziges Mädchen zu sehen ist. 

Das neue Mädchen-Hostel

In drei Wochen werde ich zusammen mit Antonia im Zug nach Kalkutta sitzen und Baghmara „Bye bye“ sagen. Dass ich zu all den Menschen, die mir in diesem einen Jahr so sehr ans Herz gewachsen sind, bald tschüss sagen muss will, ich noch nicht wirklich wahrhaben. Es kommt mir vor als wäre es  gestern gewesen, als ich mit Antonia noch auf unserer Dachterrasse saß und wir realisiert haben, dass wir jetzt ein ganzes Jahr lang hier in Baghmara sein werden. Ein Jahr ... und jetzt sind es nur noch wenige Wochen, die uns hier bleiben.

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