Donnerstag, 10. März 2016

Der Sommer ist wieder da


Der Sommer ist zurück! Seit ein paar Wochen wird es endlich wieder wärmer, die Sonne scheint jeden Tag und der Nebel, der in den letzten Wochen immer bis elf Uhr mittags über dem Boden hing, ist auch verschwunden. Nicht zuletzt merke ich an der Anzahl der Moskitos, die ich jeden Abend in meinem Zimmer erschlage, dass der Winter vorbei ist. Außerdem waschen sich die Kinder, jetzt wo es wo es warm ist, wieder täglich. Vor allem die Kleinsten waschen sich wieder regelmäßig, was im Winter keine Selbstverständlichkeit war. Im Januar sah Rawina, eine der Kleinsten, in ihrem verdreckten rosa Kleidchen und ihren zerzausten Haaren aus, als würde sie seit Jahren auf der Straße leben. Aber bei 5 °C hätte ich wahrscheinlich auch nicht unbedingt draußen an der Handpumpe geduscht. 




Kurz nach den Winterferien im Januar gab es schon wieder Ferien, aber eher gezwungenermaßen. Der District Minister hat für unseren Bezirk „kältefrei“ gegeben. Der Hauptgrund für die außerplanmäßigen Ferien war wahrscheinlich weniger die Kälte sondern der Nebel, der sich bis spät in den Vormittag gehalten hat. Eine Woche lang blieben also die Schulbänke leer und der Großteil unserer Hostelkinder ist nach Hause gefahren. Die Kids die noch da waren haben es sich in ihren Hostelräumen umso gemütlicher gemacht. Gemütlich bleibt hier jedoch Definitionssache, wenn man die kaputten Fensterscheiben und den kalten Betonboden sieht, auf dem sie schlafen. Provisorisch haben sie Pappe und Schulbücher in die Fenstergitter gesteckt, um die Fenster einigermaßen windsicher zu machen. Mit einer Feuerschale und alten Schulheften haben die Kinder Feuer geschürt um sich daran aufzuwärmen. Vor lauter Rauch konnte man in den Räumen zwar keine zwei Meter schauen, aber es war wärmer als draußen – das war die Hauptsache. Am Abend wurde die Studytime von den Klassenzimmern ins Hostel verlegt, gelernt haben wir aber nicht viel. Es hat viel mehr Spaß gemacht Geschichten zu erzählen, Spiele zu spielen oder einfach um das Feuer zu sitzen. Der Höhepunkt der schulfreien Woche war die Party, die die Jungs gegeben haben. Alles was es für die Party gebraucht hatte waren ein Eimer, Muri (Puffreis), Öl, Zwiebeln, Knoblauch, Chili und einen Walkman. Die kleingeschnittenen Chilis wurden mit einer Taschenlampe zerstampft, die Zwiebeln und der Knoblauch kleingehackt und dann alles mit dem Puffreis im großen Eimer gemixt. Es war scharf! Sehr scharf! Aber egal, alle haben kräftig zugelangt, bis der Eimer leer war. Die Hitze lief jedem nass-heiß das Gesicht runter während aus dem Walkman indische Hits strömten. Eine gelungene Party!
Und wenn ich gerade schon von dem etwas anderem Essen schreibe, muss ich noch etwas unbedingt erzählen.

Kurz zur Hintergrundinformation: Unsere Kinder im Hostel sind alle Adivasi. Adivasi bedeutet übersetzt „Erster Bewohner“. Diese Menschen wurden jahrelang benachteiligt und gehören zum untersten Teil der Bevölkerungsschicht. Mittlerweile werden Adivasikinder jedoch ein wenig von der Regierung unterstützt. Beispielsweise gehen 20 % der Studienplätze an einem staatlichen College an benachteiligte Gruppen, zu denen auch Adivasi gehören. Auch unser Hostel ist nur für Adivasi bestimmt. Zwar gibt es ein paar wenige Ausnahmen, aber der Großteil sind Oraos oder Santals. Oraos und Santals sind zwei Gruppierungen von vielen, unter den Adivasis. Die einzelnen Gruppen unterscheiden sich dann nochmals in der Kultur, wie zum Beispiel Musik oder Tanz, und der Sprache. Bevor die Kinder also zu uns an die Schule kommen sprechen sie nur ihre Muttersprache, entweder Santali oder Orao. Hier an der Schule lernen sie dann noch Hindi und Englisch. Es ist erstaunlich, dass die Kinder in der fünften Klasse schon jetzt drei verschiedene Sprachen einigermaßen sprechen können. Unsere Tagesschüler sind mehrheitlich Hindus und gehören keinem Adivasistamm an.
So viel dazu, jetzt zum eigentlichen Thema:

Unter den Tribals ist es Tradtion auf die Jagd zu gehen, zumindest hin und wieder. Da die Kinder ja aber das ganze Jahr über - bis auf den Ferien - im Hostel sind, bekommen sie von diesem Spektakel nicht allzu viel mit. Nachdem wir also unser Senffeld geerntet hatten, kamen ein paar von den älteren Jungs zu Father Abraham, um ihn zu fragen, ob sie dort auf Rattenjagd gehen dürften. Er fand die Idee super. Zum einen würden die Kinder dabei riesen Spaß haben und zum anderen, zerstören die Tiere sowieso das Gemüse. Letzteres verriet er ihnen natürlich nicht. Am Tag darauf ging es los. Mit einem riesen Wasserschlauch wurden Teile des Feldes überschwemmt, um die Ratten und Mäuse aus den Erdlöchern zu treiben. Es passierte und passierte nichts. Die Kinder wurden ungeduldig und haben damit angefangen die Eichhörnchen zu jagen, die in den Bäumen und Büschen herumsprangen. Nachdem sie eines entdeckt hatten, hörten sie nicht damit auf es zu verfolgen bis sie es erwischten. Sie sind bis in die Baumkronen geklettert, haben Äste geschüttelt und mit der Steinschleuder auf die hilflosen Tiere gezielt. Als sie dann eins gefangen hatten brachen alle in ein Jubelgeschrei aus. Das Resultat am Ende der Rattenjagd: Zwei Ratten und fünf Eichhörnchen. Die gab’s dann selbstverständlich zum Abendessen. Und das ist wieder ein Punkt, von dem sich die Adivasi von den Hindus oder Non-Tribals unterscheiden. Sie essen einfach alles, hat mir ein Hosteljunge erzählt, aber verraten davon den anderen nichts, die manchmal aufgrund ihrer Religion komplett auf Fleisch verzichten. In der Hostelküche haben sich die Jungs, die man dort in der Regel nicht so oft antrifft, über die Beute gemacht und sie über dem Feuer gegrillt und danach gebraten. In der Pfanne hätte man es fast mit Geschnetzeltem verwechseln können. Die Jungs haben es genossen, aber meine Leibspeise wird es ganz bestimmt nicht. Rattenfleisch schmeckt dann halt doch wie Ratte- irgendwie ein bisschen eklig. Den Day-scholars (Non-Tribals) dürfen wir davon aber auf keinen Fall erzählen!

Mittlerweile werden keine Schulhefte mehr angezündet um sich aufzuwärmen, sondern Eierkartons, um die Moskitos aus den Study-Räumen zu vertreiben. Das Schuljahr ist so gut wie gelaufen und mit den Prüfungen, die jetzt angefangen haben, wird es beendet. Dann wartet ein neues Schuljahr, für das derzeit schon ordentlich Werbung gemacht wird. Der Anzahl der Neuanmeldungen nach aber noch nicht genug, daher meinte Sister Paulin, Antonia und ich sollen doch mit dem Fahrrad auf und ab fahren, um für die Schule zu werben. Ich hab ihr vorgeschlagen mit St. Xavier’s School Plakaten und auf der Straße zu tanzen. Die Idee fand sie glaube ich gar nicht so schlecht.