Mittwoch, 11. November 2015

India is crowded

Das ist wahrscheinlich mein zurzeit meist verhasster Satz. Wieso, schreibe ich später. Der Reihe nach:
 
Nachdem die Kinder ihre Halbjahresprüfungen geschrieben hatten und ich mit dem Korrigieren der unzähligen Blätter fertig war, ging es für die Hosteller in die wohlverdienten Ferien und für Antonia und mich nach Kalkutta. Unser Ziel war ein Kulturzentrum am Stadtrand Kalkuttas, in dem Alex, ein Mitfreiwilliger, arbeitet. Mit dem Nachtzug ging es zwölf Stunden von Purnea in die City of Joy. Nach all den Horrorgeschichten, die Father George uns über das Zugfahren zuvor erzählt hatte, hätten wir eigentlich keinen Schritt in den Waggon setzen dürfen. „Menschen bieten Euch gepunchten Chai an“, „andere versprühen ein Puder, dass Euch einschlafen lässt“. Alles Tricks, um an die Taschen der Reisenden zu kommen. Und davon haben wir noch so einige mehr Szenarien gehört. Trotz Father George’s Warnungen sind wir das Risiko eingegangen, möglicherweise ohne Reisepass, ohne Geldbeutel und ohne unserem Rucksack in Kalkutta anzukommen. Mutig, oder? Unser Taschendieb: Ein Mitte zwanzigjähriger Student, dessen Eltern Götter für ihn darstellen („My parents are like Gods for me“), der Antonia und mich zu Rate ziehen will, wenn er Präsident von Indien wird und der seinen ersten Kontakt zu einem fremden Mädchen mit Antonia hatte. Letzteres können wir bis jetzt noch nicht so richtig glauben. Jedenfalls sind war nach dieser „schlaflosen und angsterfüllten“ Zugfahrt am nächsten Morgen in Kalkutta angekommen und wurden von Alex am Bahnhof abgeholt. Alex‘ Arbeit besteht aus Englischunterricht im Kulturzentrum und einer Art Nachhilfeklasse in einer Bengali Medium School in seinem Ortsteil. Am ersten Tag hat er uns also sein Revier gezeigt. Um die drei Teiche, in denen wir fast jeden Tag schwimmen waren, ist er echt zu beneiden. Denn Ende Oktober bei noch über 30°C unter Palmen und Bananenstauden schwimmen gehen, kann nicht jeder. Während die Tage bei uns im Norden schon langsam kürzer und kälter werden, war es in Kalkutta noch schwül warm.
In unserer Urlaubswoche wurde Durga Puja gefeiert. Ein hinduistisches Festival, das in Kalkutta das größte im ganzen Jahr ist. Deshalb hat uns Father George noch in Baghmara darauf vorbereitet, dass die ganze Stadt überfüllt sein wird mit Menschen und selbst im Zug Platzmangel herrschen wird. So richtig zugetroffen hat es dann aber nicht, der Zug war ausgebucht, aber nicht überfüllt und die Pandals, die für das Fest überall in der Stadt aufgestellt wurden, waren gut besucht. Pandals sind große Tempel, die aus verschiedensten Materialen gebaut werden. Meistens ist es ein Bambusgerüst, das mit bunten Stoffen eingewickelt wird. Andere bestehen komplett aus Holz und leuchten in allen erdenklichen Farben. Gerade am Abend, wenn die Tempel von allen Seiten beschienen werden, glitzerten sie wunderschön. Das Herz eines jeden Pandals formten die Statuen sechs Götter. Am zehnten Tag des Durga Puja Fests, werden sie sinnbildlich der Mutter Ganga zurückgegeben, indem sie jubelnd in den Fluss geworfen werden. Alex beschreibt die riesige und aufwendige Deko für Puja, die sich wie kitschige Weihnachten angefühlt hat, auf seinem Blog sehr gut, ich könnte es nicht besser in Worte fassen. Schaut doch auch mal bei ihm vorbei. Viel zu schnell ging die Woche in Kalkutta mit meinem Geburtstag zu Ende, den wir mit einer riesen Ananas-Sahne-Torte gefeiert haben, die uns dann aber leider nicht ganz so gut bekommen ist.  


Zurück in Baghmara ging’s dann wieder mit dem Schulalltag weiter. Die Kinder kamen nach und nach aus den Ferien zurück und alles ging seinen gewohnten Gang. 
Letztens feierten wir den Children’s Day. An diesem Tag durften die Kids ihre Schuluniform zuhause lassen. Die sonst rot-braune Menge verwandelte sich in ein buntes Meer aus Kindern. Bei dem einen oder anderen Schüler musste ich sogar zweimal hinschauen um ihn oder sie wiederzuerkennen. Wir Lehrer und Lehrerinnen haben eine Woche im Voraus einen Tanz einstudiert und uns ein Programm für die Kinder überlegt. Die Frauen haben noch einen anderen Tanz für die Schüler aufgeführt und wir Lehrer haben einen kleinen witzigen Sketch vorgespielt, der die Kinder zum Lachen gebracht hat. Abgerundet wurde der Festtag mit dem Finalspiel des Blauen und des Roten Hauses im Fußball. Die Schüler sind hier in vier Häuser aufgeteilt, blau, grün, gelb und rot. Ein paar Tage zuvor gab es ein Fußballmatch, das die Finalisten entschieden hat und die haben dann am Children’s Day um den ersten Platz gespielt. Leider hat mein Rotes Haus verloren, aber glücklich waren danach alle, denn zur Feier des Tages gab es Jalebis, eine ölige, indische Süßigkeit. 

Da jetzt die Diwali Ferien anstehen, wollten Antonia und ich die Tage nutzen, um uns Varanasi anzuschauen. Also sind wir mit Fr. Abraham in die Stadt gefahren, um unsere Zugtickets zu buchen. Wir saßen schon im Booking Office als Father Abraham meinte, er sei nicht begeistert, dass wir über Diwali nach Varanasi fahren. Ganz Indien wird in die heilige Stadt fahren, um Diwali zu feiern. „Crowded!“. Schon wieder dasselbe Thema, dass schon vor unserer Kalkuttafahrt besprochen wurde. So langsam haben wir das Gefühl, ganz Indien ist überlaufen oder zumindest die Orte, die wir besuchen wollen. Da dann auch der Ticketverkäufer uns von Varanasi abgeraten hatte, haben wir letzten Endes klein beigegeben, da es sowieso nicht ganz so leicht gewesen wäre, noch günstige Zugtickets zu bekommen. Frustriert sind wir also wieder aus dem Büro gegangen. Father Abraham schien sichtlich erleichtert gewesen zu sein, dass wir über Diwali nicht in Indien’s heiligste Stadt fahren. Wir dagegen malten uns schon die Langeweile aus, die uns für eine Woche in Baghmara, ohne Kindergeschrei und ohne eine richtige Aufgabe erwarten wird. Aber wir hatten noch nicht aufgegeben. Antonia und ich sind auf die Idee gekommen, eine Tour in den Bergen zu machen. Diese Zeit soll zum Wandern eine der schönsten sein. Aber es konnte ja nicht anders kommen, dass es auch dort über Diwali „crowded“ sein wird. Viele Hütten haben über die Feiertage geschlossen und Taxis beziehungsweise Busse zu bekommen, würde auch schwierig werden. Also ist diese Idee auch geplatzt. Mittlerweile war es schon arg spät, um noch Tickets irgendwo anders hin zu bekommen. Also blieb uns nichts anderes übrig, uns mit dem Gedanken anzufreunden, die Diwali Ferien daheim zu verbringen. Aber mittlerweile glaub ich wirklich, dass die Ferien gut werden. Sister Manisha möchte mit uns zusammen Schüler zuhause besuchen, wir werden uns höchstwahrscheinlich ein zweites Fahrrad zulegen, da Antonia und ich uns momentan nur gegenseitig chauffieren können, wenn wir mal zu zweit Samosa kaufen gehen. Das ist aber wirklich lustig, da die Einheimischen es nicht gewohnt sind, einen Jungen zu sehen, der sich von einem Mädchen auf dem Fahrrad chauffieren lässt. Wir wollen die freie Zeit auch nutzen, die indische Küche näher kennenzulernen. Unsere Sister Suma kennt etliche Leckereien, die sie uns unbedingt beibringen will. Von ihr werden wir auch immer mit Pickles und Chutney versorgt. Derzeit haben wir glaube ich acht verschiedene Pickles zur Auswahl, Tendenz steigend. An den Feiertagen Diwali und Chhath fahren wir am Abend in die Stadt, um uns die Feierlichkeiten auf der Straße anzusehen. Langweilig wird uns also bestimmt nicht werden, und wenn doch, dann müssen die Weihnachtskarten demnächst ja auch mal geschrieben werden.

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