Samstag, 12. September 2015

Ausflug in die indische "Pampa"



Vor einigen Tagen waren wir, Father Abraham, Sister Manisha, Antonia und ich, zur Einweihung einer Kirche in einem kleinen Dorf eingeladen. Circa zwanzig Hütten, die hinter Palmen, abseits der Straße, versteckt lagen. Obwohl es so unscheinbar wirkte, sah man schon von Weitem eine große Menschenmenge, die sich zur Feier versammelt hatte und noch auf die letzten Gäste wartete. Es war unglaublich, wie viel Menschen in diesem Dorf zusammengekommen waren, um die Einweihung zu feiern. Zur Begrüßung bekamen wir einen Wimpel angesteckt und einen Segenspunkt auf die Stirn getupft, und als dann auch der Bischof, als Letzter, eingetroffen war, ging die feierliche Prozession los. Begleitet von traditioneller Musik, Rassel, Trommel und einem weniger traditionellem, blechern klingendem Minikeyboard, sind wir mit dem Menschenstrom zur Kirche gelaufen. Um uns herum fröhliche Dorfbewohner, die uns, im Takt tanzend, weitergeschoben haben. Angeführt wurden wir von Tänzerinnen, die Tonkrüge auf dem Kopf trugen, welche mit dem Weihwasser gefüllt waren.             


Ein Regenschauer und zwei Stunden später war die Messe vorüber und wir leicht durchnässt. Im Anschluss daran folgten Tänze, die die Kinder des Dorfes aufführten. Der Bischof der Diözese, Father Angelus, erzählte mir, dass es sich bei dem Dorf um ein Flüchtlingsdorf handele. Die Bewohner kommen aus verschiedenen Bundesstaaten, unter anderem West Bengalen, und haben sich hier gemeinsam niedergelassen. Unter all den Dorfbewohnern sind die Kinder die Ersten, die eine Schulbildung erhalten. Bischof Angelus ist der Meinung, dass sich so, mit der zweiten Generation im Dorf und unter den Leuten etwas verändern wird. Denn beispielsweise der Alkohol scheint vor allem in ländlichen Regionen ein großes Problem zu sein. Jedenfalls gibt es nun eine Kapelle in dem Dorf. Ein Ort, an dem alle Dorfmitglieder zusammenkommen können.

Und wenn ich gerade über Menschen aus winzigen Dörfern schreibe, möchte ich auch noch ein anderes Thema ansprechen. Wenn ich an indische Provinz, junge Teenager Mädchen oder an ein konservatives Indien gedacht habe, kam mir sofort die Zwangsheirat in den Sinn. Ja, es ist wahr, dass Indien noch weit entfernt von der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ist. Auch die Abtreibung von weiblichen Föten ist nach wie vor eine angewandte Methode in manchen Teilen Indiens, auch wenn es offiziell verboten worden ist. Aber man darf hier nicht ganz Indien und alle Inder über einen Kamm scheren. Auf unseren Ausfahrten auf den Markt oder in die Stadt ist Antonia und mir schon des Öfteren aufgefallen, dass wir kaum Mädchen auf den Straßen sehen. Kumpels treffen sich auf einen Chai, Jungs fahren mit dem Fahrrad auf und ab, Söhne kaufen Früchte und Gemüse für die Familie.  Aber wo sind die weiblichen Teenager? Selten sehen wir Mädels allein durch die Straßen gehen. Father George erklärte uns, es sei überwiegend in hinduistischen Familien gebräuchlich, dass sich die Töchter bis zur ihrer Heirat im Elternhaus aufhalten. In den kleinen Dörfern der Tribals, die meist nur aus wenigen Hütten bestehen, glauben die meisten Menschen jedoch an Naturgötter. Sie sind demnach nicht alle Hindus. Daher verhält sich diese Sitte unter den Tribals in kleinen Dörfern nochmals anders zu hinduistischen Familien aus der Stadt. Frauen sind hier selbstständiger und entscheiden meist selbst, wann und wen sie heiraten. Dass sich dies aber auch von Region zu Region unterscheidet, erzählten uns Lehrerinnen unserer Schule. Beide kommen aus dem Bundesstaat Orissa und sind der Überzeugung, es sei vor allem in Bihar, der als der ärmster Bundesstaat Indiens gilt, noch viel ausgeprägter, Mädchen, noch vor Beendigung der Schule, zu verheiraten. Ich schreibe hier aber nur von Städten und Dörfern im ländlichen Raum. In Großstädten wie Kalkutta, Mumbai oder Delhi sieht es natürlich wieder ganz anders aus. Es sind also der religiöse und der örtliche Hintergrund, der Bräuche und Sitten ausmacht. Und Indien ist bekanntermaßen voll von unterschiedlichsten Religionen mit verschiedensten Bräuchen.

Hier in Baghmara läuft es derzeit gut. Da ich in der dritten Klasse das Thema "Indiens Bundesstaaten" durchgenommen habe, dachte ich mir, eine große Landkarte für das Klassenzimmer würde jedem helfen, sich die Staaten und deren Lage schneller einzuprägen. Also habe ich mich hingesetzt und eine riesige Wandkarte gebastelt. Nach gefühlten zehn Stunden Unterrichtsvorbereitung war ich endlich fertig und ziemlich stolz auf meine selbstgemalte Landkarte von Indien, auch wenn nicht jeder Staat demselben Maßstab entsprach. Im Unterricht wurde dann wild gepuzzelt und gerätselt welches Kartenstück welchen Bundesstaat darstellen soll. Als die Karte vollständig an der Wand des Klassenzimmers hing, malten die Kids jeden Bundesstaat farbig an und waren glücklich, dass ihr Raum nun eine schöne Wanddeko hatte. Nach zwei Wochen war von der Karte leider kein einziges Teil mehr zu sehen, aber immerhin hat es den Kindern und mir Spaß gemacht für ein paar Stunden keinen trockenen Unterrichtsstoff pauken zu müssen. 


Meine Fragebögen für die anstehenden Halbjahresprüfungen habe ich endlich fertig, und jetzt heißt es, den restlichen Stoff noch in die kleinen und größeren Köpfe zu packen.
Seit wenigen Wochen hat es endlich angefangen zu regnen, so wie es in der Monsunzeit sein sollte, und wenn am Nachmittag der ganze Platz unter Wasser steht, gibt es eine riesen Wasserschlacht. Das macht einen Heidenspaß, da danach alle aussehen wie Schweine und Sister Manisha ihre „Schweineherde“ zu den Waschplätzen scheuchen kann.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen