Mittwoch, 26. August 2015

Woche 5 - Ich bin angekommen


Ashish, Ashunta, Rohit, Muskan, Gaytri, Sandeep, Shakshi, Raj, Rawina, Anjli, Deepak, Ravi, Sohan.
Die ersten dreizehn Namen, die ich problemlos ihren Gesichtern zuordnen kann. Dreizehn Namen aus 106. So viele Kinder wohnen im Hostel der St. Xavier’s School. 106 Kinder, mit denen ich jeden Tag verbringe und 93, deren Namen ich noch lernen muss.


Seit vier Wochen bin ich nun schon in Baghmara, einem kleinen Dorf im indischen Bundesstaat Bihar, wo selbst im Foreign Office kaum Englisch gesprochen wird. Ein ganzer Monat schon in Indien. So richtig glauben kann ich es immer noch nicht. Es sind diese kurzen Momente, in denen ich wie aus einem Traum aufwache und begreife Tausende Kilometer von Deutschland weg zu sein. Aber das ist kein Traum, ich schlafe nicht. In meinem Kopf herrscht  ein buntes Durcheinander. Unzählige neue Eindrücke, die mich faszinieren, begeistern, verblüffen oder auch schockieren.
Es ist faszinierend, wie gastfreundlich und herzlich all die Leute waren, denen wir bisher begegnet sind. Selbst der Besuch beim Schneider endet nicht ohne eine Tasse Chai.
Mich begeistert es, wie schnell uns die Kinder hier im Hostel der St. Xavier’s School angenommen haben. Schon jetzt hängen sie wie die Kletten an Antonia und mir. Sie überfluten uns tagtäglich mit neuen Fragen zu unseren Angewohnheiten, zu unseren Familien und zu Deutschland.  
Jede Fahrt mit dem Auto ist ein halbes Abenteuer. Das Verkehrschaos auf der noch so kleinen Straße im noch so kleinen Dorf ist verblüffend. Traktoren, Autos, Motorrikschas, Motorräder, Menschen, Kühe, Ziegen, Hunde. Jeder will voran kommen und schafft es auch.
Neben all dem Wunderbaren, schockiert mich der Dreck, der in der Stadt und auch auf dem Land zu finden ist. In nahezu jeder Ecke liegen Bonbonpapiere, Plastiktüten oder Plastikflaschen herum. Es scheint völlig normal zu sein, seinen Müll einfach irgendwo liegen zu lassen. Das ist für mich, der mit grüner, schwarzer und brauner Tonne aufgewachsen ist, fast unvorstellbar. Trotz dieser Schmutzflecken, strahlt Indien einen Charme aus, der ohne den Müll sicherlich nicht derselbe wäre.

Neben meinen fast endlosen Eindrücken und Beobachtungen, die ich in den letzten Wochen auf dem Weg durch Westbengalen, Jharkhand und Bihar gemacht habe, möchte ich auch von meinen Aufgaben hier in Baghmara an der St. Xavier’s School erzählen. Dazu zählt zum einen das Unterrichten. Vormittags erkläre ich den Kindern die Teile eines Computers, die Staatenaufteilung in Indien oder die Kulturen in anderen Bundesstaaten Indiens. Insgesamt habe ich fünf Klassen, von denen ich täglich vier unterrichten darf. Dann heißt es 40 zappligen Zweitklässlern den Unterrichtsstoff, bis in die letzte Bank, verständlich beizubringen. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Da ist es sehr aufmunternd, wenn man in der vierten Klasse für wenige Minuten völlige Aufmerksamkeit bekommt. Nach der Schule heißt es dann take a rest. Wir haben Zeit neuen Unterricht vorzubereiten oder uns vom anstrengenden Vormittag auszuruhen, bis es dann am späten Nachmittag in die Play Time geht. Dann spielen wir mit den Hostelkindern Seilspringen, Fußball oder andere verschiedenste Spiele. Cricket darf natürlich auch nicht fehlen, wobei mir die Regeln noch nicht ganz einleuchtend sind. Nachdem wir uns ausgetobt haben, geht es vor dem Abendessen noch mal in die Study Time. Hier machen wir zusammen mit den Kindern Hausaufgaben oder erklären ihnen Aufgaben in Mathematik. Damit endet unser Tag mit den Hostelkindern.
Zwar sehen meine Tage von Montag bis Samstag relativ gleich aus, aber es ist noch längst nicht zur Routine geworden.

Unabhängig vom Unterricht finden ab und an verschiedene Aktionen statt. So haben wir auch den Independence Day am 15. August mitfeiern können. Hier gab es eine große Parade der Schüler, mit anschließender Fahnenhissung. Darauf folgten tolle Tanzeinlagen der Schüler. Eine Schülerin hielt eine Rede über die Geschichte Indiens und appellierte an ihre Mitschüler verantwortungsvoller mit der Umwelt umzugehen. Mit Musik und Süßigkeiten für alle, wurde der zeremonielle Festakt beendet. Gemeinsam mit den Hostelkindern haben wir am Abend des 15. Augusts traditionelle Tänze aus deren Dörfern getanzt. Obwohl dabei nur im Kreis im und gegen den Uhrzeigersinn gelaufen wird und man die Füße abwechselnd nach vorne oder nach hinten kickt, hat es riesig Spaß gemacht. Somit endete der Feiertag schweißgebadet, aber mit einer Portion indischer Tanzkenntnisse obendrauf.

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